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'''Moderne Sagen''', auch '''moderne Mythen''', '''Großstadtlegenden''' (englisch: '''urban legends''', '''urban myths''', '''urban tales''', '''contemporary legends'''), verwandt mit Ammenmärchen und Schauermärchen, sind mehr oder weniger skurrile Anekdoten, die mündlich, inzwischen meist auch per E-Mail oder über soziale Netzwerke (oft als Fake News oder Hoax), weitergegeben werden und deren Quelle sich in aller Regel nicht mehr zurückverfolgen lässt. In seltenen Fällen werden sie auch, bedingt durch unzureichende Recherche, als Nachrichten in einem oder mehreren Medien verbreitet (Zeitungsente).

Die Protagonisten moderner Sagen sind meist nicht namentlich bekannt. Oft wird berichtet, die jeweilige Geschichte sei dem Freund eines glaubwürdigen Bekannten passiert. Daher stammt die englische Bezeichnung ??.

Begriff

Der Begriff ''Moderne Sage'' wurde unter anderem von : Amerikanische Großstadtlegenden und deren Bedeutung) benutzte er eine Sammlung dieser Geschichten, um zwei Thesen zu stützen:
  1. Sagen, Legenden, Mythen und Folklore kommen nicht nur bei sogenannten primitiven oder traditionellen Gesellschaften vor, und
  2. durch das Untersuchen solcher Sagen kann man viel über urbane und moderne Kultur lernen.

Der oft verwendete Begriff geben.

In der modernen Erzählforschung bevorzugt man den Ausdruck ?Sage?, weil die modernen wie auch die traditionellen Sagen (im Gegensatz zum Beispiel zum Märchen) einen Wahrheitsanspruch stellen. Alternativ dazu haben sich weitere Bezeichnungen etabliert, die zum Teil das Phänomen der Tradierung solcher Sagen mit in den Blick nehmen. Neben dem erwähnten '''' (?fiese Sagen?); dieser Begriff nimmt Bezug auf den oft brutalen, schwarzhumorigen Aspekt moderner Sagen.

Typen

Modernisierte Volkssagen

Manche der modernen Sagen sind jahrhundertealt, bekamen ein modernes Gewand und wirken als Ereignis unserer Zeit wieder glaubwürdig. Sie haben oft klassische Themen wie Tod, Krankheit, Krieg oder Wahnsinn.

Kriminalsagen

Sie berichten von bzw. warnen vor möglichen Folgen von Leichtgläubigkeit oder Unachtsamkeit. Protagonisten sind oft Kriminelle, die besondere Pfiffigkeit/Chuzpe, Kreativität oder Findigkeit an den Tag legen.

Rachegeschichten

Rache ist ein häufiges Motiv in Urban Legends. Geschichten dieses Typs beschreiben meist Handlungen, die im wirklichen Leben als Selbstjustiz verboten wären. Sie spiegeln das Gefühl wider, das Rechtssystem sei nicht gerecht und man sei letztlich auf sich allein gestellt. Meist enthalten sie eine deutliche Sympathie für den Sich-Rächenden.

Angstgeschichten

Angstgeschichten spiegeln beispielsweise Ängste vor der immer raffinierter und undurchschaubarer gewordenen Technik. Sie handeln oft von Alltagsgeräten, von denen angeblich ungeahnte Gefahren ausgehen ? nicht nur, aber vor allem bei unsachgemäßer Anwendung. Sie werden oft Personen zugeschrieben, die als minder geschickt im Umgang mit Neuem gelten, wie z.?B. alte Damen oder naive junge Mädchen. Diese Sagen existieren oft parallel als Witz (dann ohne Wahrheitsanspruch und mit deutlich formulierter Pointe). Ein klassisches Beispiel ist das Haustier in der Mikrowelle mit folgendem Gerichtsprozess.

Die Angst, undurchsichtigen politischen oder wirtschaftlichen Mächten machtlos bzw. hilflos ausgeliefert zu sein, hat die Entstehung zahlreicher moderner Sagen gefördert. Häufig beschreiben sie angebliche Manipulationen des Militärs oder großer US-Konzerne. Beispiele sind Chemtrails, Iss-Popcorn-trink-Cola-Studie, Hängolin. Diese Sagen ähneln (oder sind) Verschwörungstheorien.

Zahlreiche Sagen thematisieren Angst vor Fremden. ?Die Fremden? sind hierbei soziale oder ethnische Minderheiten. So gibt es zahlreiche Versionen von Geschichten über unappetitliche Essenzusätze (wie Hundefutter oder Sperma) in Speisen von Restaurants ausländischer Küche. Diese Sagen werden von Einigen gezielt als Mittel der Diskriminierung, Ausgrenzung und Diffamierung von Bevölkerungsgruppen missbraucht. Daneben werden sie über Fastfood-Restaurants erzählt. Ebenso wird vor hybriden transgenen Produkten gewarnt, z.?B. der Flunder-Tomate. Weite Verbreitung haben im Internet und in Lokalzeitungen von Privatpersonen oder kleinen Gruppen von Tierschützern lancierte Meldungen gefunden, in denen eindringlich vor Tierfängern gewarnt wird, für die ?Ausländer? oder ?Altkleidersammler? die mögliche Beute ausspähen.

Zahlreich sind auch Sagen, die im Ausland spielen und die Ängste vor fremden Sitten und Unsitten spiegeln. Seltsame Essensgewohnheiten, Diebstähle, verschwundene Reisebegleiter oder Lynchjustiz an unschuldigen Touristen sind Beispiele hierfür. Auch Sagen mit gefährlichen exotischen Tieren, gefährlichen Insektenstichen etc. sind häufig (z. B. ?Die Spinne in der Yucca-Palme?).

Sagen zur Volksart

Eine Sage kann auch eine angebliche Eigenheit eines Volkes oder einer anderen Gruppe illustrieren. So besagt die Mariakaakje-Beratung, der niederländische Ministerpräsident habe nach dem Zweiten Weltkrieg die amerikanischen Marshallplan-Entscheider in seine bescheidene Privatwohnung eingeladen, so dass diese den Eindruck bekamen, in den Niederlanden sei das amerikanische Geld gut aufgehoben. Meist sind die Handelnden in solchen Sagen namenlos.

Berühmte moderne Sagen bzw. Legenden und weitere Beispiele

  • Die Geschichte von einem Mann auf einer Geschäftsreise, der von einer Frau verführt wurde und am nächsten Morgen aufwachte und bemerkte, dass eine seiner : ''Encyclopedia of Urban Legends.'' ABC-CLIO, 2001, ISBN 9781576070765, S. 227 f.</ref>
  • Die Geschichte, dass die NASA für eine Million US-Dollar einen speziellen Kugelschreiber namens Space Pen entwickeln ließ, der auch im Weltall unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit zuverlässig funktioniert, während die Sowjetunion der Einfachheit halber einen Bleistift benutzte. Der Kugelschreiber existiert zwar und wurde auch von der NASA benutzt, aber sie hat die Entwicklung nicht in Auftrag gegeben. Auch die Sowjetunion hat ihn eingesetzt und vorher Fettstifte verwendet.
  • Das Krokodil im Abwassersystem von New York brachte es zu einigen Kinderbüchern und Verfilmungen wie z.?B. ''Der Horror-Alligator'' (1980).
  • Es soll in den USA Menschen gegeben haben, die zu Halloween Äpfel, in denen Rasierklingen versteckt waren, an kleine Kinder verteilten, siehe Vergiftete Süßigkeiten zu Halloween.
  • Leute würden absichtlich mittels ?AIDS-Spritzen? mit dem HI-Virus infiziert und erhielten darauf einen Zettel mit der Aufschrift ?Willkommen im Klub?.
  • Die Selbstentzündung von Menschen
  • Angeblich hätte sich das Unternehmen Apple 1976 beim Design seines Logos, eines angebissenen Apfels, vom Tod des Computerpioniers Alan Turing inspirieren lassen. Dieser vollzog 1954 mittels eines vergifteten Apfels seinen Suizid. Diese Geschichte wurde von Apple-Gründer Steve Jobs dementiert.
  • Eine oft kolportierte urbane Legende lautet, dass in Spitzenrestaurants das Probieren vom Teller des Partners bestraft würde, indem ein Zettel mit dem Text ?Bitte kommen Sie nicht wieder!? überreicht würde.
  • In der Volksrepublik Polen verbreitete sich die Story vom ?schwarzen Wolga?, dessen Fahrer kleine Kinder entführt, um deren Organe zu entnehmen.

Fernsehsendungen

Es gibt Fernsehsendungen, die sich mit modernen Sagen beschäftigen. Die beiden bekanntesten sind wohl die ''MythBusters'' und die ''Big Urban Myth Show''. Bei ''Mythbusters'' werden vor allem technische Dinge überprüft (?Ist es wirklich möglich, dass mal jemand geköpft wurde, weil er in einen Deckenventilator gesprungen ist??), bei der ''Big Urban Myth Show'' werden oft Polizei- und Feuerwehrakten durchsucht (?Hat wirklich mal jemand den Tempomaten in seinem Wohnmobil eingeschaltet und ist dann nach hinten gegangen, um sich einen Kaffee zu kochen??). Übrigens heißt die Antwort auf beide Fragen ?nein?.

Institutionen und Personen

Es gibt eine vielbesuchte englischsprachige dieser Newsgroup fasst zusammen, welche der Geschichten wahr sind und welche nicht, sofern dies feststellbar ist.

Eine andere Quelle ist ''Virus Myths'', eine weitere die Darwin Awards, die jedes Jahr einige Geschichten als besonders fragwürdig herausstellen, während eigentlich die bestätigten Geschichten für die Award-Seite die zentralen Elemente sind. Auch diverse Vertreter der Skeptikerbewegung setzen sich neben anderem mit einzelnen solchen Themen auseinander, sofern sie ihrem Anspruch auf eine ernsthafte Beleg- oder Widerlegbarkeit hinreichend entsprechen.

Es gibt eine Reihe bekannter Aufdecker urbaner Legenden, die sich durch die Aufklärung verschiedener Legenden einen Namen gemacht haben:

Literatur

  • Rolf Wilhelm Brednich:
    • ''Die Spinne in der Yucca-Palme, sagenhafte Geschichten von heute.'' C. H. Beck, München 1990, ISBN 3-406-45995-1. (Neuauflage in: ''Beck?sche Reihe'' 4070, München 2009, ISBN 978-3-406-58700-9)
    • ''Die Maus im Jumbo-Jet.'' München 1991, ISBN 3-406-34027-X.
    • ''Das Huhn mit dem Gipsbein.'' München 1993, ISBN 3-406-45987-0.
    • ''Sagenhafte Geschichten von heute.'' München 1994, ISBN 3-406-38170-7.
    • ''Die Ratte am Strohhalm.'' München 1996, ISBN 3-406-39256-3.
    • ''Pinguine in Rückenlage.'' München 2004, ISBN 3-406-51069-8.
  • Roland Barthes: ''Mythen des Alltags.'' Frankfurt 1964, ISBN 3-518-10092-0.
  • Sergius Golowin: ''Magische Gegenwart. Forschungsfahrten durch modernen Aberglauben.'' Francke, Bern 1964.
  • Jan Harold Brunvand: ''The Vanishing Hitchhiker: American Urban Legends & Their Meanings.'' Norton, New York 1981, ISBN 0-393-01473-8. (dt. ''Der verschwundene Anhalter: Amerikanische Großstadtmythen und deren Bedeutung.'')
  • Eckart Frahm: ''Merkwürdige Geschichten.'' ISBN 3-932512-34-0.
  • Bernd Harder: ''Das Lexikon der Großstadtmythen. Unglaubliche Geschichten von Astralreisen bis Zombies.'' Eichborn, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-8218-5557-6.
  • Bengt af Klintberg:
    • ''Die Ratte in der Pizza. Und andere moderne Sagen und Großstadtmythen.'' Kiel 1990, ISBN 3-926099-11-9.
    • ''Der Elefant auf dem VW und andere moderne Sagen und Großstadtmythen.'' München 1992. ISBN 3-492-11653-1.
  • Boris Koch: ''Der Mann ohne Gesicht. 100 unglaubliche Geschichten.'' Leipzig 2004, ISBN 3-935822-87-1.
  • Johannes Stehr: ''Sagenhafter Alltag: über die private Aneignung herrschender Moral.'' Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-593-35986-3.
  • Günter Lange (Hrsg.): ''Moderne Sagen. Unglaubliche Geschichten [für die Sekundarstufe].'' Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-15-015052-8 (= ''Reclams Universal-Bibliothek.'' Band 15052, ''Arbeitstexte für den Unterricht'').
  • Heike Jüngst (Hrsg.); David Austin (Illustrator): ''Urban legends.'' Reclam, Stuttgart 1999, ISBN 978-3-15-009065-7 (= ''Reclams Universal-Bibliothek'', Band 9065, ''Fremdsprachentexte'').
  • Fabian Vierbacher (2007/8): Die ?moderne? Sage im Internet. Grin-Verlag, ISBN 978-3-638-95622-2 (Examensarbeit im Fachbereich Ethnologie / Volkskunde, Ludwig-Maximilians-Universität München (Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie München)

Weblinks

Datenbanken

  • Snopes.com Urban Legends Reference Pages (englisch)
  • hoax-info.de Datenbank der TU Berlin über Computer-Viren, die keine sind, sowie andere Falschmeldungen und Gerüchte
  • hoaxbusters.de Infos zu Urban Legends und Hoaxes
  • urbanlegends.about.com Sammlung von Urban Legends aus allen Bereichen

Sonstiges

Fußnoten